PETER HÜBNER
DEUTSCHLANDS NEUER KLASSIKER

„Die Seele des Menschen ist kein Organ, sondern belebt und beeinflußt alle Organe; sie ist keine Funktion wie das Gedächtnis, das Rech-nen, das Vergleichen, son-dern verwendet diese als Hände und Füße; sie ist keine Fähigkeit, sondern ein Licht; nicht der Verstand oder der Wille; sie ist der große Hintergrund unseres We-sens, in dem diese Fähig-keiten ruhen – eine Unend-lichkeit, die man nicht besitzt und die nicht in Besitz genommen werden kann.“

Ralph Waldo Emerson
Philosoph

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„Dies dürfte die beste Er- klärung dieser Kraft sein, die jemals gegeben wurde. Paulus beschrieb sie ähnlich, aber knapper, in der Apostelgeschichte 17, 28: ,Denn in ihm leben, weben und sind wir.’

Es ist dieselbe Kraft, aus der Bach, Mozart und Beethoven schöpften und auf die alle Komponisten angewiesen sind, wenn sie etwas Gutes schaffen wollen. Wer sich dieser inneren Kraft bewußt aufschließt, wird inspiriert, aber technisch muß er angemessen gerüstet sein, um die ihm eingegebenen Ideen überzeugend niederzu-schreiben.“

Max Bruch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


„Durch den Tempel
der Musik
gehen wir
zur Gottheit ein.

Hier erleben wir
unser wahres Auferstehen.“

                Goethe







Jedem tiefen
Naturforscher
muß eine Art
religiösen Gefühls
nahe liegen .


        Albert Einstein


 

 

 

 

 

 

 





                                           
DER KOMPNIST ZUR
KUNST
DES
WEIBLICHEN

CLASSIC-Life: Herr Hübner, Sie haben eine ganze Reihe von Werken geschaffen, die den Obertitel „Die Kunst des Weiblichen“ tragen. 16 davon tragen den Untertitel „Zuneigung“ und 16 weitere den Titel „Harmonie“.

Wenn man hineinhört, dann stellt man fest, daß sie alle irgendwie miteinander ver- wandt sind. Können Sie uns hierzu einiges sagen?

PETER HÜBNER: Die „Weiblichkeit“ ist ja erst einmal ein heikles Thema – in einer Zeit, in der besonders in hohen Positionen immer mehr Frauen öffentlichkeitswirksam „ihren Mann stehen“.

Wie die ganze Natur, so präsentiert uns auch der Mikrokosmos der Musik aufbauende Kräfte, erhaltende Kräfte und zerstörende Kräfte.

In den Hochkulturen der Menschheit wurden die Prinzipien der „Erhaltung“ dem Element des Weiblichen zugeschrieben und „Schaf- fen“ sowie „Zerstören“ dem Männlichen.

Ich habe aus dem Mikrokosmos der Musik die Prinzipien des Erhaltenden auf das Kompositorische übertragen und in einer bis zu fünfstimmigen Fuge zur Anwendung gebracht. Dabei läßt sich das Fugenthema vielfach abwandeln, ohne daß dabei das musikalische Element des Weiblichen ange- tastet würde.

Insofern sind die jeweils 16 Werke Ab- wandlungen ein- und derselben weiblichen Thematik. Deshalb unterscheiden sie sich voneinander. Näher darauf einzugehen, würde zuviel Erklärung bedeuten – man kann ohnehin alles hören.

Hiermit hat es aber auch noch eine be- sondere Bewandtnis: alle 16 Werke einer Reihe sind miteinander verwandt. Man sollte meinen, man könnte sie leicht im Gedächtnis behalten, und die Musiker könnten anneh- men, daß sie sie dann nach einiger Zeit leicht auswendig zu spielen vermögen.

Aber gerade das wird durch die enge Ver- wandtschaft dieser Werke erschwert – wenn nicht gar unmöglich gemacht.

Ich glaube deshalb, daß beispielsweise ein Dirigent diese Werke, wenn er sie alle kennt, nicht auswendig dirigieren könnte – während es ihm leicht möglich wäre, wenn er nur eines von ihnen kennt.

CLASSIC-Life: Nun gibt es ja unter der „Kunst des Weiblichen“ die beiden Zyklen „Zuneigung“ und „Harmonie“. Worin unter- scheiden sie sich?


PETER HÜBNER: Die jeweiligen einzel- nen Sätze sind in bezug auf die 5 polyphonen Stimmen gleich. Aber die Reihe „Harmonie“ verfügt noch über den Generalbaß, der die natürliche harmonische Entwicklung offen- bart – während dieser Generalbaß bei der Reihe „Zuneigung“ fehlt.

Warum nun diese beiden Gruppen „Zunei- gung“ und „Harmonie“? Hier muß ich etwas mehr erklären.

Stellen Sie sich fünf Kinder vor, die auf einer Wiese miteinander spielen.
Der ideale natürliche harmonische Umgang dieser fünf Kinder wird durch die Reihe „Zuneigung“ dargestellt, wobei 5 Stimmen diese Kinder symbolisieren.

Die Grundlage einer natürlichen harmo- nischen musikalischen Entwicklung kann aber nur der Generalbaß sein – der hier zwar nicht gespielt wird, nach dem sich die 5 Stimmen aber dennoch richten.

In der Reihe „Harmonie“ wird dieser Gene- ralbaß gespielt, und er verkörpert hier die Mutter.

Während wir in der Reihe „Zuneigung“ das Spiel der Kinder nur mit der geistigen Allgegenwart der Mutter erleben, erfahren wir in der Reihe Harmonie im Generalbaß die Harmonieschaffende Mutter und erken- nen dann erst unzweideutig in ihr die Grund- lage für die natürliche harmonische Ent- wicklung des Spiels der Kinder – der 5 Stimmen.

Das Interessante bei „Zuneigung“ ist, daß man sich in seinem Unterbewußtsein – und der Musikfachmann vielleicht auch in seinem Bewußtsein – anhand des Spiels der Kinder: der 5 Stimmen – die natürliche harmonische Rolle der Mutter im Generalbaß dazudenkt und hierbei allerdings auch manchmal irrt.

Dies stellt man aber erst fest, wenn man später das entsprechende Werk mit der entsprechenden Nummer aus der Reihe „Harmonie“ mit dem Generalbaß, also mit der Rolle der Mutter, hört.

In natürlicher harmonischer Musik bestimmt immer der Generalbaß den natürlichen har- monischen Entwicklungsgang, und so bestimmt auch hier der Generalbaß die natürliche harmonische Entwicklung der 5 Stimmen – ganz wie die Mutter die natürliche harmonische Entwicklung ihrer fünf Kinder bestimmt.

Da es hier ja um „Die Kunst des Weib- lichen“ geht, handelt es sich auch neben der Mutter bei den 5 Stimmen um die Dar- stellung von fünf Mädchen.

Bei „Der Kunst des Männlichen“ wird dann entsprechend der Vater als Generalbaß die entscheidende harmonisierende Rolle spie- len, und die spielenden Kinder sind dann Söhne.

Die Sache ist aber noch spezieller: Bei den ersten 4 „Besinnungen“ handelt es sich nicht um fünf verschiedene Mädchen, sondern um das Spiel eines Mädchens mit sich selbst in 5 Rollen gleichzeitig.

Es handelt sich musikalisch um ein Thema, das mit sich selbst in bis zu fünffache spielerische musikalische Bewegung versetzt wird – geleitet und gehalten durch die Mutter als Generalbaß: in der Reihe „Zuneigung“ gedanklich und in der Reihe „Harmonie“ physisch bzw. klanglich.

Bei „Zuneigung“ ist also die Mutter nur geistig zugegen und bestimmt nur durch ihre geistige Gegenwart den natürlichen harmo- nischen fünffachen Tanz des Mädchens; und bei „Harmonie“ ist die Mutter physisch bzw. klanglich zugegen, und man erfährt im Generalbaß die natürliche Grundlage für die Harmonie des fünffachen Tanzes.

Soweit die Besinnungen 1-4 bei „Zuneigung“ bzw. „Harmonie“.

In den „Besinnungen“ 5 – 8 handelt es sich jeweils um den fünffachen Tanz zweier Mädchen. In den Besinnungen 9-12 handelt es sich um den fünffachen Tanz dreier Mädchen und bei 13-16 um den fünffachen Tanz vierer Mädchen.

Die Mutter aller vier Mädchen ist dieselbe – was man aus der Entwicklung des General- basses entnehmen kann. Und welches Mäd- chen gerade tanzt und in wievielen Rollen gleichzeitig, das zeigt sich in den Themen, die man hört.

Aus diesen beiden Zyklen “Zuneigung“ und „Harmonie“ sind in erweiterter Form die „Metamorphosen“ hervorgegangen – wobei hier das Orchester vergrößert wurde, weil weitere Motive hinzukamen: neue Personen der musikalischen Handlung bzw. des Tanzes – Mädchen und Jungen.

Nun könnte vielleicht jemand fragen: ’warum macht der das alles? Hier produziert er mit „Zuneigung“ eine Reihe Musikwerke mit 5 Stimmen. Dann fügt er in einer weiteren Reihe „Harmonie“ noch den Generalbaß hinzu. Und dann schließlich bei den Meta- morphosen zieht er noch weitere musika- lische Themen und Motive hinzu.

In den „Metamorphosen“ habe ich ja alles drin. Was will ich dann noch mit „Harmonie“ und „Zuneigung“?`

Hier hätten wir vielleicht die Sicht des öko- nomisch denkenden Musikproduzenten bzw. des Musikkäufers, der nach den Gesetzen der Sparsamkeit denkt. Die Sache hat einen anderen Hintergrund:

Jeder Mensch muß lernen, mit sich selbst harmonisch umzugehen. Daß das nicht leicht ist und schon gar nicht immer leicht ist, weiß beinahe jeder.

In „Zuneigung“ kann man als Hörer lernen oder auch sich daran gewöhnen, in bis zu fünffacher Weise gleichzeitig mit sich selbst umzugehen – harmonisch!

Man kann also lernen, 5 verschiedene Rollen gleichzeitig in sich selbst zu spielen, ohne daß es zu dissonanten bzw. dishar- monischen Kollisionen kommt, sondern dem- entgegen in einem sinnvollen Miteinander – was die Musik der 5 Stimmen als ganzes hörbar beweist.

Wo gibt es heute einen solchen Lehr- oder Lernprozeß? Zuhause, im Kindergarten, in der Schule, in der Universität, im Beruf?
Und solcher natürlicher harmonischer Um- gang mit sich selbst ist ja die Vorausset- zung für einen natürlichen harmonischen Umgang mit jemand anderem.

Bei den Besinnungen 5-8 handelt es sich – wie ich schon erklärte – jeweils um den fünf- fachen natürlichen harmonischen Umgang zweier Schwestern mit sich selbst und bis zu 5 x 5 = 25fach miteinander.

Der Lernprozeß hier ist also einerseits die Wiederholung des fünffachen Umgangs mit sich selbst, wie er bei den Besinnungen 1-4 erlernt wurde. Hinzu kommt jetzt aber noch der natürliche harmonische Umgang mit der Schwester, die dabei auch in fünffacher Weise mit sich selbst umgeht.

Entsprechend erweitert sich der Bildungs- rahmen bis zur Nr. 16.

In der Reihe „Harmonie“ kommt dann die Erkenntnis hinzu, daß dieselben naturge- gebenen Harmoniegesetze unser aller Innen- leben bestimmen: zwei oder mehrere Per- sonen gehen sowohl mit sich selbst als auch mit anderen nach denselben harmonischen Gesetzen um.

Die “Metamorphosen“ erweitern diesen individuellen und sozialen Bildungsvorgang dann noch und heben ihn zusätzlich in das Feld des Ökologischen. Mit den weiteren hinzukommenden Orchesterstimmen wer- den nach denselben Harmoniegesetzen das Individuum, die soziale Gemeinschaft und dabei verwandte wie nicht verwandte Per- sonen und schließlich auch noch ökologische Gegebenheiten in das harmonische Spiel integriert.

Keiner würde aus diesem „Ganzen“ in den „Metamorphosen“ das harmonische Mit- einander zweier oder mehrerer Personen sowie die Gesetze, nach denen sich dieses Miteinander entwickelt, sicher heraushören können, gäbe es da nicht auch in dem Zyklus „Die Kunst des Weiblichen“ die beiden Gruppen „Zuneigung“ und „Harmonie“.

Denn der Hörer wird bei den „Metamo- phosen“ zu sehr von den weiteren Stimmen des Orchesters abgelenkt, um das fünffache Selbstgespräch eines einzelnen Mädchens klar herauszuhören oder auch die Rolle der Mutter. Aus diesem Grunde war und ist die Einspielung von allen drei Größenordnungen in gesonderter Form notwendig. Das ist klassische Musik: Bildung für die Seele, wie Sokrates es nennt.

CLASSIC-Life: Herr Hübner, auf Ihren Wunsch wurden die CDs von der “Kunst des Weiblichen“ mit dem Bild der Maria versehen. Ist sie von Ihnen aus gesehen eine besondere Verkörperung des Weiblichen?

PETER HÜBNER: Als ich dieses Bildnis der Pieta zum erstenmal in Rom im Petersdom sah – es war 1972, ich hielt mich etwa ein halbes Jahr in der Nähe Roms auf und fuhr dann einigermaßen regelmäßig in die Stadt – da war ich von diesem Werk Michelangelos sehr tief beeindruckt.

Man muß sich vorstellen: einer Mutter ist gerade ihr Sohn ermordet worden – das Schlimmste, was ihr passieren kann.
Man ist gewohnt, daß Frauen schon anfan- gen, hysterisch zu werden, wenn sie ihre Handtasche verlieren oder ihr Mann „fremdgeht“.

Der Durchschnittsbürger überall auf der Welt würde doch erwarten, daß eine Frau, die gerade ihren Sohn verloren hat, völlig vergrämt ist und das dann auch in ihrem Gesicht ausdrückt.

Nichts dergleichen bei der Maria, wie Michelangelo sie dargestellt hat. Und blickt man dann zu ihrem Sohn, den sie in ihren Armen hält, dann fallen einem wohl zuerst die Dornenkrone und die schweren Wunden auf, doch schließlich erblickt man das Gesicht eines überaus wachen, völlig ent- spannt in den Armen seiner Mutter ruhenden Mannes.

Für mich war der in diesem Bildnis darge- stellte Jesus wacher und mehr gegenwärtig als die meisten Menschen, die durch den Petersdom irrten. Er wirkte, als wenn er sich einfach nur sehr tief ausruhte und erholte.
Was mir auch auffiel war, daß er sehr viel größer war als seine Mutter und daß er auch schwer wirkte – und dennoch hielt sie ihn völlig anstrengungslos in ihren Armen, als hätte er überhaupt kein Gewicht.

Dieses Bildnis von der Mutter und dem Sohne gab mir sehr zu denken. Ganz offen- sichtlich hatte es Michelangelo geschafft, ihn als unsterbliche Seele darzustellen: hellwach, tief ruhend, völlig entspannt, voller Leben und trotz jener äußeren Wunden und der Dornenkrone auf dem Haupte auch völlig ohne Schmerz.
Und ganz offensichtlich sah ihn auch seine Mutter so und war nicht geblendet durch Wunden oder Tod oder Gewicht. Deshalb litt sie nicht.

Diese Maria lebte ganz offensichtlich jen- seits von Geburt und Tod und erkannte auch ihren Sohn als unsterblich. Und sie war auch gar nicht älter als ihr Sohn.

Die meisten Männer glauben, wenn sie ein Kind zeugen, sie wären der Schöpfer dieses Kindes und deswegen soll ja auch das Kind ihren Namen tragen. Frauen sind da meines Erachtens schon etwas zurückhaltender. Wenn einer der Schöpfer von etwas ist, dann weiß er ja auch im allgemeinen, wovon er der Schöpfer ist – sollte man meinen.

Aber die zeugenden Väter wissen nicht, wovon sie der Schöpfer sind, obwohl sie sich für die Erzeuger halten und ausgeben. Sie wissen nicht einmal, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird – geschweige denn den Rest.
Wer ist dann aber der Schöpfer des Kindes?
Irgend jemand muß doch der Schöpfer sein und wissen, was er schafft. Ich habe den Eindruck, daß Michelangelo hier sehr viel mehr wußte und zum Ausdruck brachte, als die meisten Menschen ahnen.

Eine Mutter, die ein unsterbliches Kind zur Welt bringt, ein Sohn, der ermordet wurde und doch lebt, der – obwohl körperlich existierend – doch für seine Mutter völlig ohne Gewicht ist: das zeigt mir eine Schau der Wirklichkeit des Lebens, die in vielfältiger Weise hohen Idealen gerecht wird.

Aus diesem Grunde bat ich – wenn es um das ideale Weibliche geht – dieses Bild der Maria zu verwenden.

Diese Wirklichkeit – wie Michelangelo sie in seiner Pieta zum Ausdruck gebracht hat – bemühte ich mich auch in den „Hymnen der Dome“ auszudrücken, wobei dann die etwas lauteren Zwischenteile immer an jene ignorante Sicht von Menschen erinnern, die sich in ihrem engen, begrenzten Verständ- nis von der Schöpfung einbilden, es wäre möglich gewesen, Christus zu töten und dadurch seiner Mutter Leid zuzufügen.

Interessant ist auch der Name „Maria“, denn er bedeutet ursprünglich „kosmisches Denkvermögen und universelle Schöpfer- kraft“, und wer sein Denken ausweitet, der kann in seinem Innern diesen Namen immer deutlicher zu hören.

Ich hoffe, daß die „Kunst des Weiblichen“ und die „Hymnen der Dome“ dem An- spruch und der Sicht Michelangelos gerecht werden.

Die zentrale Thematik bei den „Hymnen der Dome“ stammt aus der „Kunst des Weib- lichen“. So habe ich die „Kunst des Weib- lichen“ dann auch für Orgel bearbeitet und diesen Bearbeitungen den Namen „Voice of the Domes“ gegeben.

Interessant ist, daß man dieselbe Sicht der Welt bzw. gegenüber dem Leben, wie wir sie bei Michelangelo vorfinden und wahrschein- lich auch zumindest bei den Obersten der katholischen Kirche – denn sonst wäre das Bildnis ja nicht im Petersdom – auch in der Bhagavad Gita wiederfinden.

Hier haben wir Krishna, den in sich Ruhen- den, Vollbewußten, nicht Tätigen, und Arju- na, seinen Schüler, der dessen Unsterb- lichkeit erkennt.

Krishna symbolisiert die unsterbliche Seele wie Christus und Arjuna charakterisiert das kosmisch entfaltete Erkenntnisvermögen, das sich schließlich durch die Wirrnisse des tobenden Weltgeschehens nicht mehr täu- schen läßt.

Insofern sehe ich in der Pieta Michelangelos eine vollkommene, überragende Darstellung jenes Phänomens des Yoga: besser, über- zeugender, verständlicher, als ich es jemals in Asien als Bild gesehen habe.

Würde mich jemand bitten, den Yoga und seine Prinzipien optimal darzustellen, so würde ich hierzu das Bild der Pieta wählen – wobei das wirkliche Verständnis natürlich erst entsteht, wenn man die ganze Ge- schichte kennt: von der Mutter und dem ermordeten Sohn und die verschiedenen schon erläuterten Erkenntnisgrade dieses Sachverhaltes – ausgehend vom ermor- deten Sohn und der leidenden Mutter bis hin zum unsterblichen Sohn und der deshalb nicht leidenden Mutter.

Der Weg des Yoga ist gerade der Weg von der Ignoranz zum Wissen gegenüber diesem Sachverhalt.

Ich habe den Yoga erlernt, ich bin hierfür auch lange in Asien in den Himalajas gewesen, und ich praktiziere den Yoga – ich habe ihn Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre Tausende gelehrt, und ich weiß, wovon ich spreche.

Es gibt in unterschiedlichen Kulturen und Religionen viele Darstellungen von Göttin- nen der Weisheit. Wenn ich diese Bilder sehe, dann weiß ich nicht, wovon ich auf „Weisheit“ schließen soll. Es ist mir nicht möglich, dem Gedanken zu folgen, daß es sich da um die Darstellung einer weisen Frau handelt.

Wenn ich aber die Maria sehe, wie sie Michelangelo dargestellt hat, und die Hinter- grundgeschichte kenne, dann läßt sich ihr stressfreies jugendliches Aussehen nur so erklären, daß sie weise sein muß; denn sonst würde sie gramgebeugt aussehen, wie dies ja auch bei vielen Bildern der Maria in der Welt, von ignoranten Künstlern geschaffen, der Fall ist – wo sich deren Schöpfer allen Ernstes einbilden, jene Römer wären in der Lage gewesen, Gottes Sohn zu ermorden und seine Mutter ins Unglück zu stürzen.

Es ist sicherlich das Entsetzlichste, das überhaupt in der Welt passieren kann, daß einer Mutter der Sohn ermordet wird – es gibt nichts Schlimmeres. Wenn sie dann aber nicht leidet, ist sie entweder völlig gefühl- oder gewissenlos, oder sie ist weise und weiß um die Unsterblichkeit.

Dieses Bild der Maria hat eine außeror- dentlich meditative Wirkung – es lohnt sich, sie anzusehen, dann die Augen zu schließen und in sich zu gehen, es sich zu verin- nerlichen und zu lernen, die Welt mit den Augen dieser Frau zu sehen.

Deshalb habe ich dem Verlag auch für das Label „Peace of Mind“ betr. spirituelle Musik jenes Bild der Maria empfohlen.

 

 
 

Johannes Brahms (sitzend)
und Joseph Joachim


Johannes Brahms
im Gespräch
mit dem berühmten
Geiger und Freund
Joseph Joachim

„Johannes, und ich verstehe jetzt, warum du in dieser Hinsicht selbst mir gegenüber so zurückhaltend warst: Wir bewegen uns jetzt auf heiligem Boden. Aber wenn du glaubst, daß Bach, Mozart und Beethoven reichere Inspiration als dir geschenkt wurde, was hältst du dann von mir?! Als junger Mann komponierte ich auch, aber seitdem ich mit dir in so enger Verbindung stehe, habe ich es schon lange aufgegeben; deine Inspirationen waren von so viel höherer Art als meine, deine Kunstfertigkeit ebenso. Meinerseits schienen weitere Bemühungen also nutzlos. Meine Kompositionen, sogar mein ungarisches Konzert, werden immer mehr vernachlässigt und bald vergessen sein, während deine von Jahr zu Jahr an Anerkennung gewinnen.“

„Das stimmt, Joseph, aber es wird noch ein halbes Jahrhundert ver-gehen, bis ich meinen wahren Platz in der Welt der Musik finde. Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, eine Erklärung dafür zu finden, warum einem Komponisten die Inspiration reicher zuteil wird als einem anderen, aber ich kann den Finger auf eine schwache Stelle in deiner Vergangenheit legen, Joseph – zu viele Ämter und Würden. Du bist der Direktor der Berliner Königlichen Hochschule; du bist als Violinsolist und als Quartettspieler sehr gefragt; du widmest dem Unterricht sehr viel Zeit; die vielen mit deinen Ehrenämtern verbundenen Konfe-renzen beeinträchtigen deine Zeit; du wirst mit Manuskripten von Violinkomponisten, die deinen Rat suchen, überschwemmt, um nur einige der mühevollen und ver- drießlichen Unannehmlichkeiten zu erwähnen, die ich selbst beobach-ten konnte.
Alle diese Dinge wirken auf das Komponieren störend.
Ein Komponist, der gute Musik schreiben will, muß seine ganze Zeit und Kraft dieser einen Beschäftigung widmen. Hätte ich so viele Pflichten wie du, Joseph, ich hätte auch nichts schaffen können, was des Zuhörens wert gewesen wäre.“

„Zugegeben, Johannes, aber als wir uns als junge Leute zum ersten Mal begegneten, drückten alle diese Lasten nicht auf mich; ich hatte auch den schöpferischen Drang, und dennoch ist der Unterschied zwischen deinen und meinen Erzeugnissen wie Tag und Nacht. Nein, der Grund liegt tiefer. Ohne Zweifel ist es Naturanlage. Für Jesus von Nazareth wie für Beethoven muß es sehr leicht gewesen sein, mit der Allmacht in Verbindung zu treten; seine Ideen dürften ihm ohne bewußte Anstrengung seinerseits gekommen sein, wie Hunderte wunderbarer Themen, an denen seine Werke so reich sind, bezeugen.“

„Stimmt, Joseph, aber seine Skizzenbücher beweisen, daß auch er sich unablässig mühte, um der Nachwelt Meisterwerke wie zum Beispiel die Eroica, die Fünfte, Siebente und Neunte Symphonie, das Klavierkonzert Nr. 4 und Nr. 5 und das Violinkonzert zu hinterlas- sen.
Aus diesem Grunde habe ich ihn immer als mein Ideal betrachtet; ihm wurde nicht nur die höchste Inspiration geschenkt, sondern er besaß auch überragende Kunst-fertigkeit.

 

 


Der berühmte Violinist
Joseph Joachim im Alter


Joseph Joachim über
Johannes Brahms

„Für jemanden, der ihn so gut kennt wie ich, läßt sich das leicht erklären. Trotz seiner mürrischen Art ist er in Wirklichkeit ein gutmü- tiger Mensch. Er hat erkannt, daß es für künftige Komponisten-Generationen höchst wertvoll wäre, im Besitz eingehender Berichte über seine Erlebnisse im Zustand der Halbtrance, in dem ihm die Inspirationen geschenkt wurden, zu sein.

Diese Geheimnisse wären für mich, als ich noch jung war, unschätzbar gewesen. Auf Grund meiner frühen Beziehungen zu Mendelssohn und Schumann, noch bevor ich Brahms traf, hatte ich auch den Ehrgeiz, ein großer Komponist zu werden. Hätte ich damals schon erfahren, was ich an jenem letzten Abend bei ihm lernte, so hätte ich wohl mehr geleistet. Ich bin überzeugt, er weiß, daß jungen Komponisten seine Offen-barungen über jene höheren geistigen Gesetze nützlich sein werden.

Die Lehren Jesu und die Aussagen der großen Dichter führten ihn selbst zu sehr wertvollen Erkennt-nissen.“

 

 


Johannes Brahms


„Die Kraft, aus der alle wirklich großen Komponisten wie zum Beispiel Mozart, Schubert, Bach und Beethoven ihre Inspirationen schöpfen, ist die gleiche, die es Jesus ermöglichte, seine Wunder zu wirken. Wir nennen sie Gott, Allmacht, Göttlichkeit, Schöpfer usw. Schubert nannte sie ,die Allmacht‘, aber ,was liegt in einem Namen?‘, wie Shakespeare so treffend bemerkt. Es ist die gleiche Kraft, die unsere Erde und das ganze Weltall, Sie und ich eingeschlossen, schuf; jener große, gotttrunkene Nazarener lehrte uns, daß wir sie schon hier und jetzt für unsere Entwicklung uns aneignen und auch das ewige Leben erwerben können.

Wie Jesus selbst sagte, war er in diesem Fall nicht die große Ausnahme, sondern das große Beispiel, dem wir nachzueifern hätten.
Wir sind alle Söhne Gottes, denn wir könnten aus keiner anderen Quelle stammen. Der riesige Unterschied zwischen ihm und uns gewöhnlichen Sterblichen liegt aber darin, daß er sich mehr Göttlichkeit angeeignet hatte als wir.
Den Jüngern kam es natürlich so vor, als wandle Jesus auf dem Wasser; in Wirklichkeit aber wandelte er in der Luft. Seine geistige Kraft war so groß, daß er, indem er aus der Allmacht schöpfte, sich über das Gravitati-onsgesetz erheben konnte.

Wir nennen das eine übernatür- liche Kraft, aber übernormal wäre eine bessere Bezeichnung. Jesus gebrauchte ein höheres Gesetz, von dem seine Jünger im Boot nichts wußten, und der Besitz übernatürlicher Kräfte war für sie die einzige Erklärung des Wunders, da er ja Gott selbst in Person war. Nichtsdestoweniger war ihr Entsetzen groß, denn wir lesen in Matthäus 14, 26: ,Und sie schrieen vor Furcht.‘“

Brahms     

 

„Wie anders wäre das Leben auf dieser Welt, wenn wir wie Jesus die Allmacht uns bewußt aneignen könnten.“

Joseph Joachim     

 

 


Johannes Brahms


„Mein Glaube an unsere Unsterb-lichkeit gründet sich hauptsächlich auf die unleugbare Tatsache, daß alle Völker aller Zeiten und aller Zonen immer am Glauben an ein Leben jenseits des Grabes festgehalten haben, daß heißt die geistig fortgeschritteneren Führer solcher Völker.
Es gibt natürlich immer einige, die nicht an ein künftiges Leben glauben, aber das spielt keine Rolle; die Tatsache, daß so viele verschiedenartige und weit verstreute Völker des Altertums daran glaubten, ist für mich der Beweis, daß dieser Glaube den Menschen vom Schöpfer einge-geben worden ist.

Sie gaben ihren Toten Waffen, Kleidungsstücke und verschiedene Utensilien des täglichen Gebrauchs mit ins Grab; sie glaubten, die Toten würden diese Dinge in der nächsten Welt brauchen.
Alte Grabstätten und die vielen verschiedenen Bestattungsarten der Toten offenbaren uns die Hoffnung, die die Völker lang verschwundener Kulturen auf ein zukünftiges Leben hegten.

Eines der wunderbarsten Beispiele für die allgemeine Verbreitung des Glaubens an ein Weiterleben läßt sich bei Ihren amerikanischen Indianern finden, die von der gesamten übrigen Menschheit vollkommen getrennt lebten und doch von dem Großen Geist und dem glücklichen Jagdgebiet spra- chen, wo sie nach ihrem Scheiden aus dieser Welt jagen würden. Ihre Vorstellung vom Himmel war wohl primitiv, aber man kann feststellen, daß die Vorstellungen von jenem Reich immer durch den Stand der Kultur bei den Völkern, die an ein künftiges Leben glaubten, gefärbt wurden. All dies ist jedoch unwichtig; worauf es ankommt, ist die allgemeine Verbreitung jenes Glaubens an ein zukünftiges Leben.

In der Heiligen Schrift bei Johannes 14, 10 heißt es: ,Der Vater aber, der in mir wohnt, der tut die Werke.‘ Das wirkliche Genie schöpft aus der unendlichen Quelle der Weisheit und der Kraft, wie Milton und Beethoven es taten.
Meiner Meinung nach ist dies die beste Definition. Jesus war das größte geistige Genie der Welt, und er war sich, wie sonst niemand, bewußt, die einzige wahre Quelle der Kraft zu gebrauchen, obgleich Beethoven und Milton ebenfalls wußten, daß sie die gleiche Quelle in geringerem Umfang erschlos-sen. Es ist alles nur eine Frage des Ausmaßes.“

Brahms     

 

 


Johannes Brahms


“„Ich hatte immer ein bestimmtes Ziel im Auge, bevor ich die Muse anrief.
Wenn ich dann jene höheren kosmischen Schwingungen spürte, wußte ich, daß ich mit derselben Kraft in Verbindung stand, die jene großen Dichter und auch Bach, Mozart und Beethoven inspirierte.

Dann strömten die Ideen, die ich bewußt suchte, mit solcher Macht und Schnelligkeit auf mich ein, daß ich nur ein paar fassen und greifen konnte; ich war nie fähig, sie alle kurz zu notieren; sie kamen wie momentane Blitze und entschwan-den schnell, wenn ich sie nicht auf Papier festhielt.

Die Themen, die in meinen Kompositionen von Bestand sein werden, kamen alle auf diese Weise. Es war immer ein so wunderbares Erlebnis, daß ich mich früher nie dazu bringen konnte, darüber zu sprechen. Ich spürte, daß ich im Augenblick mit dem Unendlichen in Einklang stand, und kein Schaudern kommt dem gleich.

Ich verstehe, warum der große Nazarener diesem Leben so wenig Bedeutung beimaß. Er muß in viel engerer Verbindung mit der unendlichen Kraft des Universums als irgendein Dichter oder Kompo-nist gestanden haben, und er tat ohne Zweifel einen Blick in jene nächste Ebene, die er ,Himmel‘ nannte.

Shakespeares Ermahnung ,Deinem eigenen Selbst bleibe treu‘ ist immer einer meiner führenden Grundsätze gewesen.“

Brahms       

 


Richard Strauss

„... aber wie gut die Ausführung auch sein mag, keine Komposition wird lange leben, wenn sie nicht inspiriert ist.

Komponieren ist ein Vorgang, der nicht so leicht zu erklären ist. Wenn die Inspiration eintritt, ist sie von solcher Scharfsinnigkeit und Feinheit – wie ein Irrlicht –, daß sie sich beinahe jeder genaueren Bestimmung entzieht. Wenn ich mich in inspirierter Stimmung befinde, habe ich bestimmte Zwangsvisionen unter dem Einfluß einer höheren Macht.

In solchen Augenblicken spüre ich, daß ich die Quelle der unendlichen und ewigen Kraft, aus der Sie und ich und alle Dinge hervorgehen, erschließe. Die Religion nennt sie Gott.

Es ist äußerst wichtig, die Gedan-ken sofort festzuhalten, damit sie sich nicht verflüchtigen. Ich schlage dann öfters in diesen Auf- zeichnungen nach, was mich in dieselbe Geistesverfassung ver-setzt, die die Ideen gebar; so entwickeln und weiten sie sich. Ich glaube fest an das Keimen der Idee.

Ich weiß, daß die Fähigkeit, solche Ideen in mein Bewußtsein aufzu-nehmen, ein göttliches Geschenk ist. Es ist ein Auftrag von Gott, eine mir anvertraute Aufgabe, und ich spüre, daß es meine höchste Pflicht ist, das Beste daraus zu machen – sie sich entwickeln und sich weiten zu lassen.

Ich war mir jedoch der Hilfe einer anderen als einer irdischen Kraft bewußt, die auf meine bestimmten Vorstellungen einging. Der feste Glaube an diese Kraft muß der Fähigkeit, aus ihr zweckvoll und klug zu schöpfen, vorausgehen. So viel weiß ich bestimmt.“

Richard Strauss       

 

 


Johannes Brahms


„Dies ist der erste Schritt. Wenn ich den Drang in mir spüre, wende ich mich zunächst direkt an meinen Schöpfer.

Ich spüre unmittelbar danach Schwingungen, die mich ganz durchdringen. Sie sind der Geist, der die inneren Seelenkräfte erleu- chtet, und in diesem Zustand der Verzückung sehe ich klar, was bei meiner üblichen Gemütslage dunkel ist; dann fühle ich mich fähig, mich wie Beethoven von oben inspirieren zu lassen. Vor allem wird mir in solchen Augen-blicken die ungeheure Bedeutung der höchsten Offenbarung Jesu bewußt: ,Ich und der Vater sind eins.‘

Diese Schwingungen nehmen die Form bestimmter geistiger Bilder an, nachdem ich meinen Wunsch und Entschluß bezüglich dessen, was ich möchte, formuliert habe, nämlich inspiriert zu werden, um etwas zu komponieren, was die Menschheit aufrichtet und fördert – etwas von dauerhaftem Wert.

Sofort strömen die Ideen auf mich ein, direkt von Gott; ich sehe nicht nur bestimmte Themen vor meinem geistigen Auge, sondern auch die richtige Form, in die sie gekleidet sind, die Harmonien und die Orchestrierung. Takt für Takt wird mir das fertige Werk offenbart.“

Brahms       

 

                                           
                                           
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